Der syrische Flüchtling und der hellblaue Ordner

Mein Sohn F. -im ersten Semester Jura- bereitete sich gerade für die erste Klausurwoche vor. Er war in der Bibliothek und kam spät am Abend nach Hause. Auf dem Weg nach Hause vergaß er in der U-Bahn seinen Uni-Ordner. Sein Ordner war gefüllt mit allen Unterlagen, Kopien, Fällen, Probeklausuren, Mitschriften und einem AG-Schein, die sich im Laufe der drei Monate des ersten Semesters angesammelt hatten.

Am diesem Abend war der Ordner unauffindbar. Die U-Bahn war nach Köln gefahren und so aus dem “Funkbereich Bonn” raus – so wurde es uns in der U-Bahn Haltestelle selbst gesagt. Auch die Anrufe in den Fundbüros von Bonn und Köln am folgenden Tag zeigten keinen Erfolg.

Am nächsten Tag stand am Abend ein junger Mann vor unserer Haustür. Er fragte nach einem “Herr F.” Wollte aber keine andere Informationen preisgeben. Als mein Sohn F. auch an der Tür erschien, hatte der junge Mann ihn gesehen, schien ihn zu erkennen und fing sofort an, etwas aus seiner Tasche auszupacken. Nämlich den vermissten hellblauen Ordner.

Der junge Mann sagte, er wollte persönlich vorbeifahren und den Ordner F. eigenhändig geben. Name und Adresse hatte er aus der Kopie des Persos, die F. in seinem Ordner archiviert hatte. Mit Google Maps (auf seinem Handy) hat er dann zu uns gefunden. Er hatte sich gedacht, dass der Ordner sehr wichtig für einen Studenten wäre.

Der junge Mann hat sich entschuldigt, weil er nicht eher gekommen war. Und entschuldigte sich mehrmals, weil es so spät sei (21:30). Ich habe ihn zu einer Tasse Tee eingeladen, er wollte nicht, wollte mit dem Bus gleich zurückfahren.

Dann bot ich an, ihn mit dem Auto nach Hause zu fahren. Ursprünglich wollte er nicht, hat aber am Ende zugestimmt. Für mich eine Fahrt von nur 20 Minuten. Für ihn mit Bus und Bahn wären es 50 Minuten gewesen (wenn alles gut geklappt hätte).

Auf dem Weg nach Hause haben wir ihn alles mögliche gefragt. Zusammenfassend: er kommt aus Syrien (aus der Nähe von Aleppo), ist seit einem Jahr in Deutschland, sein Bruder ist in England. Seine Eltern und eine junge Schwester sind noch in Aleppo. Also ein syrischer Flüchtling.

Er treibt Sport, sieht echt nett aus. Er hat zwei Jahre in Syrien studiert, Sein Studium will er aber in Deutschland nicht fortsetzen. Er möchte lieber eine Ausbildung machen. Am liebsten in einem Büro, wo er Kontakt zu anderen Menschen hat. Er spricht echt gut Deutsch (auch Englisch) und ist sehr selbstbewusst, intelligent, aber nicht aufdringlich. Eher freundlich und sehr höflich.

Er erklärte uns -absolut überzeugt- dass es selbtsverständlich sei, einen so wichtigen Studien-Ordner persönlich abzugeben. Er hätte auch nichts Außergewöhnliches getan. So viel Dank sei nicht notwendig. Als er ausstieg, wünschte er F. viel Erfolg in den Klausuren. Irgendwie dachte ich: das kann nicht alles sein.

Ich habe nach seiner Telefonnummer gefragt und so sind wir in Kontakt geblieben. Vorgestern habe ich ihn per whatsapp kontaktiert und ich habe ihm einen H&M-Gutschein gebracht. Er sagte noch mal, das sei nicht nötig. Bei der Gelegenheit haben wir echte syrische Gastfreundschaft erlebt und leckeres und gesundes Obst und einen köstlichen Milchreis probieren können.

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