Junge Familien – aber bitte keine Ausländer

Die ganze Debatte um die Worte Christian Lindners über die Schlange beim Bäcker[1] erinnert mich an manche Szene, die ich selbst neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts erlebt habe.

Was ich gleich erzählen möchte,  geschah vor langer Zeit – nämlich in den Neunzigern. Seither hat sich in der CDU viel verändert. Trotzdem ist es sehr gut möglich, dass sich so eine Szene, wie ich sie hier beschreiben werde, auch heute irgendwo in Deutschland wiederholt.

Es war ein schöner Sommerabend. Ich war hochschwanger und sah so aus: Niemand konnte diesen Umstand übersehen, Ich wurde zu einer Veranstaltung der “Initiative Junge Familien – Bonn” eingeladen. Die Veranstaltung fand in einem privaten Haus in Godesberg statt. Die Organisatoren waren Leute, die das Haus Welrich[2] in der Kölnstraße in Bonn jede Woche besucht haben.

lch war alleine dort, da mein Mann auf unser ältestes Kind aufgepasst hat. Ungefähr 20 Personen waren in dem großen Wohnzimmer des privaten Hauses. Ich kannte fast alle relativ gut und war sogar bei ihnen eingeladen oder sie waren bei mir zu Hause gewesen .

Der Referent war ein Unions-Abgeordneter des Bundestages aus Süddeutschland. Ein konservativer Herr, der uns erzählt hat, er sei Vater von sechs Kinder (oder zehn, weiß ich nicht mehr genau) und dass seine Frau sich in der Schule ihrer Kinder engagiere, wie dies eine gute Mutter tue.

Er beklagte, dass seine Frau in der Öffentlichkeit gedemütigt würde, eben weil sie viele Kinder habe (beim “Schlecker”, erzählte er). Er verkündete seine Überzeugung, dass eine Frau nicht berufstätig sein dürfte. Dass sie sich 100% um die Kinder und ihre Angelegenheiten kümmern müsste/sollte. Und dass die Frau nicht so egoistisch sein sollte, aus Gründen der Selbstverwirklichung einen Beruf ausüben zu wollen.

Als – nach dem Vortrag – die Diskussion eröffnet wurde, habe ich mich als erste gemeldet, um ihm sehr freundlich versucht zu widersprechen: “Eine Frau arbeitet außerhalb des Hauses nicht nur aus Gründen der Selbstverwirklichung. Es gibt auch andere Gründe…”. Die wollte ich nennen, so weit bin ich aber nicht gekommen.

Der MdB unterbrach mich sofort schroff und fragte vorwurfsvoll in die Runde:”Laden Sie immer Ausländer zu ihren Veranstaltungen ein…!?” Mit “Ausländer” war ich gemeint… Obwohl ich eigentlich “Ausländerin” bin 😉

Keine Antwort… Kein Mensch hat etwas gesagt… Schweigen… wie so oft in Deutschland haben die Menschen geschwiegen und irgendwoanders hingeschaut. Außerdem, ein Mitglied des Bundestages unterbricht man nicht. Die alte hierarchische Gesellschaft lässt schön grüßen.

Die Person, die die “Diskussion” (war das wirklich eine Diskussion? ich denke nicht) leitete, erteilte das Wort einem Deutschen, der eine andere passende, gefügige, nicht kritische Frage gestellt hatte. Kein Widerspruch war gewünscht. Auch keine Ausländer.

Kein Mensch hat an diesem Abend noch mal darüber geredet. Die “Initiative Junge Familien” fand anscheinend alles in Ordnung…

Am übernächsten Tag oder auch noch später rief ich eine damalige Freundin (sie war – wie ich – eingeladen) an… Sie war die Einzige, die sagte, dass was geschehen ist, nicht in Ordnung war. Sie hat aber an diesem Abend nichts gesagt. Das wurde nie mehr von irgendjemanden, der dabei war, thematisiert…


[1] “Man kann beim Bäcker in der Schlange nicht unterscheiden, wenn einer mit gebrochenem Deutsch ein Brötchen bestellt, ob das der hoch qualifizierte Entwickler künstlicher Intelligenz aus Indien ist, oder eigentlich ein sich bei uns illegal aufhaltender, höchstens geduldeter Ausländer. Damit die Gesellschaft befriedet ist, müssen die anderen, die in der Reihe stehen, damit sie nicht diesen einen schief anschauen und Angst vor ihm haben, müssen sich alle sicher sein, dass jeder, der sich bei uns aufhält, sich legal bei uns aufhält. Die Menschen müssen sich sicher sein, auch wenn jemand anders aussieht und noch nur gebrochen deutsch spricht, dass es keine Zweifel an seiner Rechtschaffenheit gibt. Das ist die Aufgabe einer fordernden, liberalen, rechtsstaatlichen Einwanderungspolitik.” Aus der Pressemitteilung der FDP

[2] Studentisches Kulturzentrum Welrich, in Bonn. Das Kulturzentrum als solches hat momentan keine Seite, aber ihr Jugendclub Gronau

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